Haardorf und Mühlham

„Hoagartn“ vor dem alten Pfarrhof

 Osterhofener Zeitung 05.09.2009

Haardorf

Zünftig mit einer Brotzeit setzen sich die Haardorfer Frauen zusammen: Sie lieben ihren Dienstags-Ratsch vor dem alten Pfarrhof. (Foto: Schweiger)

Aicha

Vorm „Zamleitn“ zum Gottesdienst trifft sich am Friedhofstürl die „Oachamer“ Männerwelt, um Neuigkeiten auszutauschen.

Thundorf 2 

Die Fähranlegestelle Thundorf ist der Treffpunkt von Herbert Siedersberger (v.r.), Erwin Striedl, Erich Zacher und Josef Schermer.

Von Adolf Schweiger
Thundorf/Aicha/Haardorf/Mühlham. „Danu“: In diesem altindischem Wort für „Gutes im Himmel“ soll der Name „Donau“ seinen Ursprung haben. Diese Wasserstraße im Herzen Europas prägt seit Jahrtausenden die Kultur an ihren Ufern, auch den Lebensrhythmus in Thundorf, Aicha, Haardorf und Mühlham.
Sebastian Hasreiter steigt jeden Morgen früh aus den Federn, um den Dorfleuten in Thundorf die Zeitung ins Haus zu liefern. Nach getaner Arbeit nimmt der Austragsbauer das noch am Hoftürl lehnende Zeitungsradl und tritt geruhsam Richtung Damm in die Pedale. „Die Donau ist wie ein Magnet, wenn ich nicht dort war, fehlt mir den ganzen Tag etwas“, erklärt der „Wast“. Mit einem „Gu-Moing“ (Guten Morgen) wird er von seinen auf zwei Bänken verweilenden Kameraden am „Huberloch“ nahe der Fähranlegestelle erwartet: Erwin Striedl, Herbert Siedersberger, Heini Schall, Erich Zacher, Josef Schätz und manch andere kommen fast täglich zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Von lustig und bissig bis neutral werden die auf der Zunge brennenden Themen durchdiskutiert.
________________________________________
Auf dem Bankerl an der Fähre, „des tuat guat“
________________________________________
Dabei verlieren sich ihre Blicke oft auf dem Wasser. Jeder Flügelschlag eines Vogels oder Raubgang eines Fisches werden wahrgenommen. Und so schnell wie sie zusammengekommen ist, löst sich die Versammlung plötzlich auf. Nelly, die alte Labrador-Mischlingsdame von Herbert Siedersberger liegt noch dösend am Strand, als sich dieser mit einem „Servus“ Richtung Dorf verabschiedet. Einer aus der Runde schreit ihm noch nach: „Herbert, vergiss’ morgen das Schafkopfen nicht!“ Ohne Regung, der Hund hinterher trottend, entschwinden beide hinter mannshohem Schilf.
Heini Schall aber bleibt noch einen Augenblick länger. Mit ausgestreckten Beinen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, gibt der altgediente Kanonier des Krieger- und Soldatenvereins mit einem einzigen Satz Einsicht in das Seelenleben der täglich Verweilenden: „Uns tuat des guat.“
Drei Kilometer stromabwärts liegt am Donau-Altwasserarm, dem sogenannten Wirtweiher, das beschauliche Aicha. „Zu ruhig“ sei es, findet der 86-jährige Austragsbauer Max Rauscher beim donnerstäglichen Stammtisch im „Voglwirt“. Wieder einmal sind nur die Eisernen gekommen. Da fällt es leicht auf, wenn einer fehlt. „Wo is denn heit da Birxn Sepp bliebm?“, will der aus dem Nachbardorf Haardorf gekommene und an der Stirnseite des Stammtisches sitzende Ludwig Fröschl noch vor dem Zusammenstoßen der Biergläser wissen. Ein Achselzucken geht durch die Runde. „Vielleicht kommt er noch“, meint Wirtin Pepi und schaut auf die über ihr hängende und immer eine Viertelstunde vorgehende Wirtshausuhr. Der Vermisste und sein Bruder Alois gehören zur Stammbesetzung der Runde, ebenso wie Max Rauscher und hin und wieder nach dem Kirchenzusperren auch Mesner Franz Weigl oder Matti Unholzer.
Hat sich vor Jahren noch jung und alt täglich beim Wirt ein Feierabendbier gegönnt, so sind es heute nur noch ein paar, die sich zweimal unter der Woche ins Wirtshaus verlaufen. Schade sei es, dass die Alten zu den Jungen kaum mehr unterhaltsamen Zugang finden und damit die überlieferte Dorfgeschichte nicht weitergeben können. „Das wäre für die Identität eines Ortes wichtig“, erläutert Max Rauscher. Nachdenklich fügte er hinzu: „Wennst was Neis erfahren möchtest bei uns im Dorf, musst am Sonntag frühzeitig vorm Zamleitn an der Friedhofsmauer stehn“. Dort geht es um Fußball, wann der Mais reif ist fürs Dreschen, das neue Bürgerhaus und natürlich den umstrittenen Donauausbau.
Ganz anders verhält sich das Dorfgeschehen in der Dorfgemeinschaft Haardorf/Mühlham. Dort halten jung und alt zusammen. Jeder Verein ist eine eigene Institution und bis auf wenige Ausnahmen gehören ihnen alle Dorfbewohner an. Eine besondere Sache ist dabei an lauen Dienstag-Sommerabenden die Sitzweil am Bankerl auf dem Dorfanger. Spätestens nach dem ersten unverkennbaren kräftigen Lachen der Schmied Heidi (Unverdorben) weiß jede Frau im Ort, welcher Tag ist. Denn da trifft sich die Haardorfer- und Mühlhamer Frauenwelt zum „Hoagartn“.
________________________________________
Dienstags die Frauen, donnerstags die Männer
________________________________________
Im Minutentakt treffen vor dem altehrwürdigem Pfarrhof Ober- und Unterdörflerinnen mit Körben voller Schmankerl ein und zeigen den vorbei radelnden Fremden, was zu einem guten dörflichen Miteinander gehört. Vieles wird an diesem Abend auf dem vollbesetzten Platz unter den Linden beredet, erzählen die zwei Reserl Jahrstorfer und Weigl. „Und unsere Männer richten wir aus“, bringt Heidi Unverdorben lachend ein. „Aber nur soweit, dass des Bankerl nicht entweiht wird“, gibt sie augenzwinkernd zu verstehen. Herzhaft lachend stimmen die anderen zu. Denn am Donnerstagabend treffen sich die Männer an selber Stelle: „Dann werden wir ausgerichtet!“ Und wiederum kann keine der Frauen ihr Lachen unter dem klaren Nachthimmel unterdrücken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.