Haardorf und Mühlham

Haardorfer Geschichte wird neu geschrieben

Osterhofen 6. April 2016 – Deggendorfer Zeitung

 

Archäologische Grabung an der Pfarrkirche St. Martin fördert zahlreiche Skelette zu Tage – Neue Erkenntnisse

Kirche  2016 II

 

Sepp Schiller

Haardorf. Nachdem die Kirche in Mühlham so häufig von der Donau überflutet worden ist, haben die Grafen von Hals das Gotteshaus abbauen und unter dem Patrozinium von St. Martin auf einer natürlichen Anhöhe in Haardorf wieder errichten lassen. Dass dies anno 1497 geschehen ist, ist jedoch nur eine Volkslegende: Nach dem Abriss der Sakristei, die neu gebaut werden soll, hat die private Grabungsfirma „Arcteam“ Mauerwerk aus verschiedenen Bauphasen frei gelegt, das den Experten um Kreisarchäologen Stefan Hanöffner und Thomas Grassl vom Diözesanbauamt Passau Rätsel aufgibt. Ein Gutachter soll nun die Baugeschichte der Kirche erforschen.

Die Ministranten des Pfarrverbandes können sich im Nachhinein noch etwas Gruseln, lag doch direkt unter dem Granitfundament am Zugang zur Sakristei in einer Tiefe von ca. 150 Zentimetern ein gut erhaltenes Menschenskelett, vermutlich das einer Frau, die nach der Kirchenverlegung dort ihre letzte Ruhestätte fand. Grabungsleiterin Sabine Watzlawik von „Arcteam“ wird die Gebeine nun auf Alter und Geschlecht untersuchen lassen. Anschließend gehen sie zurück an die Kreisarchäologie, wo über eine mögliche Wiederbestattung entschieden wird. „Die Forschungsmöglichkeiten sind grenzenlos, die Fördermittel immer begrenzt“, umreißt Stefan Hanöffner die Situation der Archäologen. Dennoch sei ein Tag Bauforschung hier unumgänglich, um die vielen offenen Fragen zu klären, was wiederum wichtig für die Geschichte der Gemeinde, der Pfarrei und des Landkreises sei.

Rund um die Kirche haben die Ausgräber weitere Skelette, die ohne Beigaben auf dem alten Friedhof beerdigt wurden, sowie zahlreiche Einzelknochen gefunden. Stefan Hanöffner geht davon aus, dass man die Toten übereinander bestattet hat: „Der Boden ist durchsetzt mit Menschenknochen!“ Die Grabungsarbeiten werden parallel zur Kirche bis zum Haupteingang ausgeführt. Das frei gelegte Fundament der alten Sakristei könnte eventuell auf den Mauern eines Profanbaus errichtet worden sein. In den Kirchenmauern sind zudem Quader und sogenannte Spolien – alte Bauteile mit kirchlichen Ornamenten – zu sehen, die aus früheren Bauten wieder verwendet wurden. Eine kreisrunde Verfärbung ist im Boden vor dem Haupteingang zu erkennen: Sie könnte auf eine Grube oder einen älteren Holzbau hinweisen. Auch am Kirchenaufgang haben die Archäologen verdächtige Spuren ausgemacht. „Für konkrete Aussagen ist es aber noch zu früh“, unterstreicht Hanöffner. Zum letzten Mal war der Friedhof 1972 umstrukturiert worden, wobei man die Lage der Gräber in Ost-West-Richtung angeordnet hat. Im 17. Jahrhundert wurde die Kirche bei einem Brand beschädigt.

Auch Thomas Grassl hätte kein Problem damit, den Sakristeibau um zwei bis drei Wochen nach hinten zu verschieben, um die historischen Dimensionen in ihrer Gänze abzustecken. Kirchenpfleger Hans Weigl mahnt dagegen zur Eile: Bis Weihnachten möchte er die Baumaßnahme, die auch den Einbau einer Toilette und die behindertengerechte Gestaltung des Aufgangs vorsieht, abgeschlossen haben.

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