Haardorf und Mühlham

Kleiner Laden mit großem Angebot

Osterhofen und Umgebung – Osterhofener Anzeiger –  Montag, 07.02.2022

Vor 25 Jahren ist der letzte Tante-Emma-Laden in Haardorf geschlossen worden

Der neue Kramerladen wurde an das alte Wohnhaus angebaut.Foto: Archiv Rolf Schwinger

Haardorf. (rs) Es gibt nur noch sehr wenige und bei denen, die noch existent sind, ist eine Schließung absehbar: der klassische Kramerladen. Ein kleines Geschäft mit großem Warenangebot für den täglichen Gebrauch. Früher gab es sie in jedem Dorf. Doch mit steigender Mobilität und den immer größeren Angeboten an Discountern und Supermärkten war das Aussterben der typischen Kramerladen praktisch vorprogrammiert. In Haardorf sind mittlerweile 25 Jahre vergangen, seit Marianne Fröschl den Tante-Emma-Laden geschlossen hat, der im Jahre 1908 von Hedwig Baumgartner eröffnet wurde. Es war das frühere Schlachthaus und gehörte dem damaligen Wirt. Zunächst bestand der Kramerladen aus einem Zimmer im Haus, nach dem Eingang rechts. 1942 heiratete Maria Weiß ihren Mann Eduard Baumgartner und führte den Laden weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte Maria Baumgartner ihre Geschwister in Amerika, nachdem diese ausgewandert waren. Als Aushilfe engagierte sie ihre Tochter Marianne, verheiratet mit Ludwig Fröschl, und der gefiel diese Aufgabe so gut, dass sie seitdem nicht mehr den Laden verließ und sogar Ausbaupläne schmiedete. Später wurde an das alte Wohnhaus ein kleines Nebengebäude als neuer Kramerladen angebaut. Das neue Ladenschild EIKA leuchtete nun in der Nacht. Die Ware war in einfachen Regalen untergebracht. Mehl und Zucker standen in offenen Säcken im Laden auf dem Boden und wurden in Papiertüten abgefüllt und gewogen. Da es anfangs keine Autos gab, waren derartige Geschäfte als Grundversorger in den Dörfern und Ortschaften und für die Bevölkerung wichtig. Anfangs gab es noch einen weiteren Laden neben der Kirche und gegenüber der heutigen „Alten Schule“. In Zeitungspapier gewickelt und kein Plastik Marianne Fröschl erzählt, dass sie in ihrem Laden die gängigsten Lebensmittel, aber auch Putzmittel und Hygieneprodukte angeboten hatte. Zigaretten wurden auch einzeln verkauft. Jeden Tag gab es frisches Brot und Semmeln vom Simmerl-Bäcker, der anfangs noch mit dem Ross von Moos vorbei kam. Wurst und Käse wurden frisch aufgeschnitten und in Papier verpackt. Es gab noch keine Plastikverpackungen, nur Zeitungspapier. Alles wurde umweltfreundlich verpackt. Damals agierte man also wesentlich nachhaltiger als heute. Verschwiegenheit war Ehrensache „Manchmal musste auch ein Kind zur Rede gestellt werden, wenn es beim Klauen (Stehlen) erwischt wurde“, erinnerte sich die frühere Kramerin. Marianne Fröschl erzählt, dass ihr die Arbeit dennoch sehr viel Freude bereitet hat. Man hatte viel Zeit zum Ratschen und zum Austausch von Informationen. Manche Käuferin schüttete auch ihr Herz bei ihr aus. Es war eine Selbstverständlichkeit darüber Verschwiegenheit zu bewahren. Es bestand eine persönliche Beziehung zu den Kunden. Sogar am Sonntag konnte man nach der Kirche Vergessenes noch einkaufen. Es gab auch Sonderverkäufe. So konnte man für Lichtmess verschiedene Kerzen für die Kirche kaufen oder für Aschermittwoch und Karfreitag Fischfilet vorbestellen. Offene Bratheringe aus der Dose gab es das ganze Jahr. „Schulhefte und Stifte gab es für die Schülerinnen und Schüler, die gerne für ein Fünferl auch noch einen Lutscher mitnahmen“, berichtet Marianne Fröschl. Mit der Gefriertruhe kam auch „Langnese-Eis“ in den Kramerladen. Milch gab es frisch vom Bauern, nicht im Laden. Es wurde auch Obst und Gemüse verkauft. „Was nicht mehr über die Ladentheke gehen durfte, wurde dann ausgeschnitten und zu einem Mittagessen verarbeitet“, sagt Fröschl, es wäre also nichts verkommen. Es gab auch Holzschuhe, Nägel, Reisigbesen, Gips, Postkarten, Briefmarken und vieles mehr. „Meine Mutter Maria konnte schneller Kopfrechnen, als mancher mit der Rechenmaschine“, erzählt Marianne Fröschl froh gelaunt. „Oft wurde auch nicht gleich bezahlt, sondern angeschrieben.“ Eine schöne Zeit, der die Kramerin nachtrauert Nachdem in Osterhofen immer mehr Supermärkte und Discounter eröffneten und die Waren viel günstiger verkaufen konnten, war der Kramerladen nicht mehr rentabel. Man konnte mit den günstigeren Preisen nicht mehr mithalten. Hinzu kam die Mobilität mit dem Auto. So musste Marianne Fröschl 1996 ihren Laden schließen. „Manchmal trauere ich dem Kramerladen schon noch nach. Es war eine schöne Zeit mit vielen schönen Begegnungen und Gesprächen“, merkt Marianne Fröschl seufzend an.

 

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